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Karl Heinz Roth über Reparationen: "Die größte unbeglichene Schuld"

PR dla Zagranicy
Joachim Ciecierski 05.11.2018 12:32
Ohne Reparationen fehle der deutsch-polnischen Versöhnung die Substanz und eine stabile Grundlage, meint der deutsche Historiker.
Warschau, 1944Warschau, 1944Foto: Wikimedia Commons/Ewa Faryaszewska (1920-1944) (Museum of Warsaw)/Public domain

Eines werde wohl auch mit dem Machtwechsel in Berlin wohl aktuell und brisant bleiben in den deutsch-polnischen Beziehungen - die Frage nach den Kriegsreparationen. Die Reparations-Schuld sei offen und Deutschland sei dazu verpflichtet, diese zu begleichen, betont dazu in einem aktuellen Gespräch mit der polnischen Redaktion der Deutschen Welle der Historiker Karl Heinz Roth. Geht es nach Roth, der unter anderem Author des 2017 erschienenen Buches „Reparationsschuld. Hypotheken der deutschen Besatzungsherrschaft in Griechenland und Europa" ist, belaufen sich die Kriegsverluste Polens auf etwa eine Billion Euro. Und diese Pandhorra-Büchse der Reparationen, die in Deutschland viele so fürchten, so Roth, müsse man einfach öffnen, denn ohne Reparationen fehle der deutsch-polnischen Versöhnung die Substanz und eine stabile Grundlage.

Um Deutschland an den Verhandlungstisch zu bringen, lesen wir weiter, sei jedoch eine gemeinsame, koordinierte Initiative Griechenlands, Polens, der ehemaligen Staaten Jugoslawiens, Italiens und anderer interessierter Länder und eine multilaterale Konferenz zum Zwei-Plus-Vier-Vertrag notwendig. Dieser Vertrag von 1990, der den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands ebnete, so Roth, sei de facto ein Friedensvertrag gewesen, in dem die Reparationsfrage übergangen worden sei. Für die Staaten, die ihn nicht unterzeichnet haben, sei er ungünstig und daher nicht bindend. Die deutsche Regierung, so Roth, sei sich dessen bewusst, ebenso wie der Tatsache, dass die Reparations-Schuld sich nicht verjährt und daher weiterhin offen bleibt. Das beste Gremium für die Austragung eventueller Verhandlungen sei laut dem Historiker der Vermittlungsausschuss der OECD. Der Vorteil: auch nicht-EU-Staaten, wie Belarus und die Ukraine könnten dann an den Gesprächen teilnehmen.

Ob solche Kosten für die Bundesrepublik tragbar seien? Die BRD, erinnert Roth, habe seit der Wiedervereinigung 1990 1,2 Billionen Euro an die ehemalige DDR überwiesen. Und dieser Transfer habe Deutschland nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Eine solche Summe könne man in 10-20 Jahren abzahlen, ohne die Gesellschaft, die Sozialkassen und sogar den Fiskus allzusehr zu belasten, so Karl Heinz Roth im Interview mit der Deutschen Welle.

DW/adn

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